Volksaufstand und Versöhnung in Afghanistan – ein langer Prozess
Juli 2009
von Jürgen Heiducoff
Der Krieg der USA und der NATO in Afghanistan geht bald ins achte Jahr. Dieser Krieg dauert bereits länger als der Zweite Weltkrieg und als der Vietnam – Krieg. Allein in diesem Jahr sind über einhundert amerikanische Soldaten und viele Hundert unbeteiligte Zivilisten in Afghanistan ums Leben gekommen.
Deutschland ist von Anfang an dabei, betrachtet jedoch diesen militärischen Einsatz offiziell nicht als Krieg.
Für die Afghanen gibt es keinen Unterschied, wie der einzelne Staat sein militärisches Engagement in ihrer Heimat definiert. Zunehmend betrachten sie die Vorgehensweise als die von Besatzern.
Deshalb richtet sich ihr Widerstand auch gegen die westlichen Truppen im Norden des Landes wie gegen die Amerikaner oder Briten im Süden.
Militärpatrouillen werden in Hinterhalten angegriffen, Aufständische überfallen Distriktzentren nebst Polizeistation und behaupten, sie hätten den Distrikt erobert. Tags darauf müssen sie meist der konzentrierten Übermacht oder der Gewalt der Luftangriffe weichen. Die Aufstandsbewegung kontrolliert die meisten Teile des Landes nicht wirklich, aber man kann ihre zunehmende Flexibilität und Bewegungsfreiheit nicht leugnen. Deshalb können sie auch in Gebieten zuschlagen, wo niemand mit ihnen rechnet. Ihr Einflussbereich reicht bis an die Stadtgrenzen Kabuls heran, zum Teil in die Stadt hinein. Dies zeigt weniger die Stärke der Aufständischen, sondern vor allem die Schwäche der afghanischen Exekutive, der Armee, der Polizei, der Justiz und der gesamten Verwaltung.
Die NATO – Schutztruppe ISAF ist nicht fähig, dauerhaft und flächendeckend Sicherheit für die Bevölkerung und für den Wiederaufbau zu gewährleisten. Dazu stehen gemessen an der Größe und Unzugänglichkeit des Landes viel zu wenige Truppen zur Verfügung. Dieser Mangel an Bodentruppen und Sicherheitspersonal in der Fläche wird kompensiert mit einer Flotte sehr flexibel einsetzbarer Kampfflugzeuge und -hubschrauber, die über modernste Waffen und Führungssysteme verfügen. Diesem Potential haben die Aufständischen nichts entgegen zu setzen.
Die Koalitionsstreitkräfte, die einen „Antiterrorkrieg“ im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“ ohne UN – Mandat führen, aber auch die ISAF – Truppen werden immer stärker in einen innerstaatlichen bewaffneten Konflikt einbezogen.
Einflussreichen NATO – Politikern und Militärs ist längst klar, dass es eine rein militärische Lösung dieses Konfliktes nicht geben wird.
Die Aufständischen wenden auch Mittel des Terrors an. Sie legen Sprengsätze und organisieren Selbstmordanschläge, um ihre Ziele in der Region zu erreichen.
Sind sie jedoch deshalb die Terroristen, welche die westliche Zivilisation bedrohen? Sind sie der Grund, einen „Antiterrorkrieg“ ohne UN – Mandat zu führen, der neben den ISAF Operationen läuft?
Die Aufständischen sind nicht mit den Taliban der 90-er Jahre und auch nicht mit der Terrororganisation Al Qaida gleichzusetzen. Sie rekrutieren sich hauptsächlich aus den Söhnen der vernachlässigten und verarmten paschtunischen Bauern, die keine Perspektive im Lande Karzais sehen. Sie haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unter der gegebenen Machtkonstellation verloren. Sie haben keine Zeit, weitere Jahre zu warten, bis der Einfluss der Zentralregierung bis in ihre Lebenssphäre reichen wird. Ihre Familien würden verhungern. Sie verstehen die Politik der Zentralregierung und der internationalen Gemeinschaft nicht. Wie sollten sie dies auch, wurden doch ihre Dörfer regelmäßig immer wieder bombardiert? Sie hatten in der Masse bisher auch keine Sympathien für die radikalislamischen Taliban.
Oft wird gefragt, in wie weit die Aufständischen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Ein überwältigender Teil der Bevölkerung möchte die radikalislamische Talibanherrschaft nicht zurück. Deshalb hat sie zunächst alle Hoffnungen und Erwartungen in die Karzai – Regierung gelegt. Da es aber vielen Menschen heute nicht besser geht als unter den Taliban und da die Korruption auf allen Ebenen der Regierung und Verwaltung unüberschaubar ist, haben sie das Vertrauen dauerhaft verloren. Der Druck der Unzufriedenheit verschafft sich über eine Aufstandsbewegung den nötigen Freiraum. Zudem geraten große Teile der Bevölkerung „zwischen die Fronten“. Viele Dörfer wechseln ihre Zugehörigkeit zwischen den Einflussbereichen der Zentralregierung und der Aufständischen. Da sich der paschtunische Clanchef vorrangig um das Überleben seiner Großfamilie kümmern muss, ist er gehalten sich in seinem Verhalten den gerade Herrschenden anzupassen.
In den letzten Monaten verzeichnen wir leider einen ansteigenden Zulauf afghanischer Bevölkerungsgruppen, die bisher das internationale Engagement in Afghanistan toleriert haben, in die Arme der radikalislamischen Taliban. Dies birgt die Gefahr in sich, dass sich der Volksaufstand weiter ausweitet und eine Nationale Befreiungsbewegung entstehen könnte.
Dem kann nur entgegen gewirkt werden, indem ein echter Versöhnungsprozess eingeleitet wird, der jedoch nicht damit beginnen kann, dass sich Teile der bewaffneten Opposition ergeben und in den bestehenden Karzai – Apparat integriert werden, sondern hier bedarf es eines neutralen Ansatzes. Bisher scheiterten Verhandlungen mit den Taliban an deren Forderung, dass einem Waffenstillstand der Abzug der ausländischen Truppen vorausgehen müsste. Deshalb und aus dem Grund, dass es offensichtlich weder ein alle Aufständischen beherrschendes Führungselement, noch eine solche Führungsperson gibt, kann nur der Weg der Verhandlungen mit Teilen der Strukturelemente der Aufständischen mit dem Ziel der Aussöhnung gegangen werden. Teile der bewaffneten Opposition könnten nach tadschikischem Vorbild (Mitte der 90-er Jahre konnte durch die gelungene Integration der bewaffneten Opposition der Bürgerkrieg beendet werden) in neu zu schaffende Verwaltungsstrukturen auf zentraler und regionaler Ebene integriert werden. Dies könnte jedoch nur über länger anhaltende Verhandlungen erreicht werden.
Dafür dürfte es jedoch jetzt schon zu spät sein, denn mit den Präsidentschaftswahlen im August 2009 werden die bisherigen Machtstrukturen eher gefestigt, statt neue zu schaffen.
Die bisher ständig zunehmende unverhältnismäßige militärische Gewalt beim Einsatz der westlichen Truppenkontingente in AFG, vor allem die immer wieder zu beklagenden zivilen Opfer stellten den Hauptgrund für den Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Karzai – Administration dar. Nächtliche Hausdurchsuchungen durch westliche Militärs und die Verletzung von Tradition und Ehre der Familie, willkürliche Festnahmen, schnelle Anwendung der Schusswaffen in unklaren Situationen auf öffentlichen Straßen und Plätzen sind einige der Gründe, warum sich große Teile der Bevölkerung gegen die ausländische Truppenpräsenz wandten. Dazu kamen die immer häufigeren Luftangriffe vor allem durch US-Kampfbomber gegen Stellungen der Aufständischen, die sich zum Teil auch in den Dörfern befanden. Die dabei kaum zu verhindernden Tötungen und Verletzungen von Zivilisten schürten ein weiteres Anwachsen des Hasses gegen alle fremden Truppen.
Die propagandistische Nachbereitung der Vorfälle mit zivilen Verlusten durch die am Krieg beteiligten Parteien widerspiegelt sich teilweise auch in unseren Medien. Zum Teil werden allerlei Tricks und Verfälschungen/Verschleierungen angewandt. Dabei zeigte sich auch in westlichen und afghanischen Medien eine Verrohung der Sprache, indem von einer „Liquidierung“ oder „Vernichtung“ von Aufständischen oder Taliban, also Menschen gesprochen wurde. Auch dies dürfte nicht der Entspannung und Aussöhnung dienlich sein. Der Hass wurde künstlich geschürt, indem afghanische Armee oder Polizei die Leichen des Feindes zum Teil zu Hunderten der Öffentlichkeit „präsentierte“. Auch ein Krieg rechtfertigt nicht alle Mittel! Nach jeder Behauptung, im Verlaufe von Luftangriffen seien Zivilisten getötet oder verletzt worden, begann ein regelrechtes Feilschen um deren Anzahl, wenn nicht das Dementi seitens westlicher Kommandeure und Pressesprecher. Viele getötete Zivilisten wurden im Verlaufe der Arbeit von Untersuchungskommissionen den Aufständischen zugeordnet, da sie bewaffnet gewesen seien oder weil man Waffen in ihrem Haus gefunden habe. Aber – die Paschtunen tragen Waffen oder haben diese zu Hause – seit Jahrhunderten. Dies gehört zur Ehre eines paschtunischen Mannes. Wenn allein die Tatsache des Waffenbesitzes die Zugehörigkeit zu den Aufständischen bestimmt, dann sind alle Paschtunen Rebellen und dann gibt es keine Zivilisten unter den Paschtunen. Ein solcher Ansatz zöge jedoch die Frage des Völkermordes nach sich.
Zu den Ursachen der Verstärkung der Aufstandsbewegung gehören stets auch lokale Konflikte, die zum Teil sehr tief und langfristig in Spannungen zwischen den Stämmen verankert sind. Dazu kommt der Unmut gegen schlechte Regierungsfähigkeit der durch die Zentralregierung eingesetzten Gouverneure, Distriktchefs, Bürgermeister (Maliks) oder Polizeichefs. Vor allem die Polizei aber auch die Afghanische Nationalarmee werden als Macht- und Gewaltinstrumente der Zentralregierung wahrgenommen. Durch zunehmende Korruption und Verstrickung der Regierung in kriminelle Machenschaften wuchs die Unzufriedenheit und Ablehnung zusätzlich.
Die Vielschichtigkeit dieses Konfliktpotentials ist kaum zu durchschauen.
Diese lokalen Konflikte in ihrer derzeitigen Konstellation wird niemand, auch nicht die internationale Gemeinschaft verhindern können.
Seien wir ehrlich, ISAF wird es auch künftig nicht möglich sein, das gesamte Land zu kontrollieren. Es wird realistisch sein, anzuerkennen, dass AFG ein geteiltes Land bleiben wird. Ein Teil des Landes wird unter der Kontrolle Aufständischer – welcher Art auch immer – bleiben.
Was ist somit unter den gegebenen Bedingungen zu tun?
Könnte die Lösung darin bestehen, die ISAF – Truppen aus den umkämpften Gebieten abzuziehen und in die einigermaßen sicheren zu verlegen?
Könnte dann zumindest dort im Norden oder Westen ein Sicherheitsniveau geschaffen werden, das die systematische Aufbauarbeit gewährleistet?
Oder würde die erneute Konzentration der Truppen die Aufstandsbewegung eben dort hin lenken?
Würde ein gutes Beispiel des Aufbaues auch Erwartungen bei den Menschen in den von den Aufständischen beherrschten Gebieten wecken?
Wer vermag diese Fragen zu beantworten? Zu vielschichtig ist der Konflikt, der zu einem Krieg wurde.
Auch wenn es den Aufständischen immer wieder gelingt, Distrikte unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie die Vertreter der örtlichen Exekutive verjagen, ihnen wird es nie gelingen, dauerhafte Stabilität oder einen durchgreifenden Aufbau des Landes zu erreichen, weil ihnen die internationalen Finanzspritzen verwehrt bleiben werden. Bestenfalls wird es irgendwann so sein, dass die Bevölkerung, die in den von Aufständischen kontrollierten Gebieten lebt, hinüber in die Provinzen schaut, in denen ISAF und die Internationale Gemeinschaft erfolgreich Aufbauprojekte implementieren. Und sie wird in ihren Dörfern ähnliches fordern. Die dann entstehende Unzufriedenheit könnte bewirken, dass sich die Menschen von den Aufständischen abwenden oder eben weiter leiden.
Westliche Militärs versuchen die durch sie verursachten zivilen Verluste damit zu entschuldigen, dass die Aufständischen Zivilisten als menschliche Schutzschilder benutzen. Wie auch anders? Die Aufständischen sind Angehörige dieser Zivilisten, der Familien in der Region. Wohin soll denn der Bauernsohn nach der Ausführung eines Anschlages oder nach der Teilnahme an einem Feuergefecht fliehen, wenn nicht in den Hof der eigenen Familie? Dies ist doch den Militärs der NATO oder der US-geführten Koalitionstruppen bestens bekannt. Wenn sie dennoch bombardieren, ist es folgerichtig, dass sie den Tod von Zivilisten bewusst in Kauf nehmen. Und eben dies ist nicht hinnehmbar!
Wöchentlich mehrmals wiederholten sich folgende taktische Einsatzverfahren: ein westlicher Militärkonvoi wurde von Aufständischen angegriffen. Die Angreifer zogen sich in der Regel sofort in ein sicheres Gehöft zurück. Die Angegriffenen forderten Luftnahunterstützung (Close Air Support) an. Wenn die Kampfflugzeuge oder –hubschrauber vor Ort waren, hatten die Aufständischen ihren Stellungswechsel längst vollzogen. Ihre neuen Standorte waren die Dörfer – was sonst? Erwarten die westlichen Militärs etwa, dass der Feind sich freiwillig auf offenem Feld zur Vernichtung oder Liquidierung bereit hält? Wenn also, wie in den meisten Fällen, dann Bomben oder Raketen gegen die Dörfer zum Einsatz kamen und zivile Opfer einkalkuliert wurden, war dies ein Verstoß gegen die Genfer Konventionen und damit gegen das Internationale Kriegsvölkerrecht.
Nach der neuen AFPAK – Strategie der USA soll sich nun einiges ändern. Eine verstärkte Truppenpräsenz soll den Verzicht auf viele Bomben- und Raketeneinsätze aus der Luft ermöglichen. Die Militärs sollen sich künftig nach ihren Operationen in der Fläche nicht stets wieder in ihre befestigten Stellungen zurück ziehen, sondern in den Dörfern bleiben, um der Zivilbevölkerung unmittelbaren Schutz zu geben und den Wiederaufbau zu decken.
Ob dies in praxi möglich sein wird, wird die Zukunft zeigen.
Jedoch wird es nicht ausreichen, allein die Strategie zu ändern. Es bedarf vor allem einer Änderung der Taktik der Truppen vor Ort und es bedarf der grundlegenden Reformierung des Ausbildungssystems der Streitkräfte in Vorbereitung auf ihre Einsätze. Hier wird klar, dass es einige Jahre dauern wird, bevor sich eine Veränderung des Auftretens der Militärs an der Basis gegenüber der Bevölkerung durchsetzen kann.
Einige weitere Fragen seien gestattet:
Was geschähe, würde man Piloten nach ihrem Einsatz gegen Dörfer ihren Opfern gegenüber stellen? Nicht gemeint sind die Todesopfer, die manchmal in den Medien zahlenmäßig erwähnt werden. Gemeint sind die verstümmelten Frauen, Kinder und Alten, die unendlichen Schmerzen und Leid ausgesetzt sind. Wie würde diese Gegenüberstellung von Tätern und Opfern ausgehen?
Denken die hoch qualifizierten Spezialisten am Steuerknüppel, die zum Teil eine akademische Ausbildung haben, überhaupt über die Resultate mancher ihrer Einsätze nach?
Ist dies eine noch zu bändigende Kriegsmaschine?
Sind den Generalen und Offizieren, die für die Operationsplanung Verantwortung tragen, manche Konsequenzen ihrer Operationen klar?
Bleiben die Militärs im politischen und völkerrechtlichen Rahmen?
Haben die Politiker noch ein reales Lagebild?
Ich weiß, dass man viele dieser Fragen verneinen muss.
Wenn die aufständischen Paschtunen keine ernst zu nehmende Gefahr für die demokratischen Staaten des Westens darstellen, stellt sich die Frage, warum wir uns militärisch engagieren und welche wirklichen Ziele die westliche Politik in Afghanistan verfolgt.
Empfehlungen:
1. Die Aufständischen in ihren Hochburgen im Süden und Osten Afghanistans isolieren durch partiellen militärischen Rückzug und Konzentration der eigenen Kräfte auf Schwerpunktgebiete und dort nachhaltige Entwicklungs- und Aufbauarbeit organisieren.
So sichtbare Erfolge und gute Beispiele für die Bevölkerung in den isolierten von Aufständischen frequentierten Gebieten schaffen.
2. Damit den Trumpf der Internationalen Gemeinschaft ausspielen, über den die Aufständischen nicht verfügen – die Möglichkeit, durch Investitionen aufzubauen, dabei unbedingt die lokale Bevölkerung zu beteiligen und ihr wieder Einkunftsmöglichkeiten, Hoffnung und Perspektiven zu geben.
Eben dies würde den Aufständischen nie gelingen!
3. Parallel dazu den Teil der moderaten Gruppen Aufständischer durch Verhandlungen, Annäherung und Versöhnung in neu zu schaffende zentrale und regionale Machtstrukturen integrieren. Dies würde ein sehr langfristiger Prozess sein.
4. Gleichzeitig die Strategie und Taktik des militärischen Vorgehens grundlegend ändern, um das Vertrauen und die Sympathie der Mehrheit der Zivilbevölkerung zurück zu gewinnen.
Dies wären Schritte eines sehr lange andauernden Prozesses, der längst hätte beginnen sollen.
In Afghanistan eine schnelle Lösung der komplexen Probleme zu erwarten, wäre unrealistisch.
Jürgen Heiducoff ist Oberstleutnant der Bundeswehr und vertritt in diesem Beitrag seine persönlichen Auffassungen.

Ich gehe direkt auf den Punkt 4 ein:
Es ist auf längere Sicht einfach nicht möglich, Vertrauen zurück zu gewinnen.
Ich stelle mir eine Familie vor, die Opfer durch Luftangriffe zu beklagen hat. Dann treten die Regierungschefs dieser Armee an die Öffentlichkeit und erklären, sie wollen dem Clan zivile Hilfe angedeihen lassen, versprechen Aufbauhilfe usw.
Deutschland hat das gute Ansehen, das sie einmal in Afghanistan hatten, durch die Militäreinsätze gründlich verspielt.
Es existiert eine sogenannte ISAF-Kulanzstelle in Afghanistan, welche Kollateralschäden; sprich Tote, Verletzte in Geldwert ausgleicht. Dabei geht es auch um den Kauf des Verzichtes auf Blutrache. Wenn die bisher entschädigten Opferfamilien nur wüssten, dass hinter dem US-Dollar oder dem Euro gar kein Gegenwert steht. Ich empfehle dazu die zweistündige Dokumentation “Zeitgeist – Addendum”, die auch in einer deutschsprachigen Synchronfassung über http://www.google.de im Internet frei verfügbar gehalten wird. Ebenfalls wirken Teile des österreichischen Dokumentarfilms “Let’s make Money” hilfreich als Antwort auf die Frage, was die Industrieländer antreibt den Terrorismus zu schüren und sich an militärischen Größenwahnprojekten zu beteiligen. Im Übrigen konnte die NATO in ihrer gesamten Geschichte nur einen einzigen Konflikt für sich entscheiden.
Ich möchte auch einfach eine Frage stellen:
Nicht nur die Bundeswehr engagiert sich, sondern DEUTSCHLAND.
Wo sind die Bilanzen der anderen Ressorts?
Innenministerium mit der Polizeiausbildung beispielsweise.
Die Bundeswehr muss dort die eierlegende Wollmilchsau sein, weil es nicht gelingt zivile bzw. andere Kräfte zu mobilisieren, die sich dort in Gefahr begeben wollen.
Die Bundeswehr kann nicht Lehrer, Richter, Polizisten ausbilden, sie kann auch nicht die Infrastrukturen erzeugen die notwendig wären. Und ja, ALLE wissen es, BMVg Verteidigungsausschuss, GenInsp.
Eine Frage zum Schluss:
Wenn es bis jetzt nicht gelungen ist genügend ManPower für Entwicklungs- und Aufbauarbeit zu finden, wer soll das in Zukunft bewerkstelligen, angesichts der vielen Ethnien, der Größe und geophysikalischen Eigenheiten?
Die oberste Bundeswehrführung (Minister Jung und Generalinspekteur Schneiderhan) hat die größte Offensive deutscher Soldaten seit 1945 (1955 Bestehen der Bundeswehr) im afghanischen Char-Dara-Distrikt westlich von Kundus befohlen. 300 deutsche Soldaten inkl. Schützenpanzer Marder (20mm Bordkanone) und 900 afghanische Soldaten sind im Einsatz. Des Ministers Ziel ist es, spätestens bis zu den Wahlen der Kabul-Regierung am 20.8.2009 in der Region die Sicherheitslage zugunsten der Sicherheitskräfte zu stabilisieren. “Die Eskalation sei jetzt notwendig gewesen”, O-Ton von General Schneiderhan auf der Pressekonferenz am 22.7.2009. Mittlerweile sind die deutschen ISAF-Soldaten legitimiert die Schusswaffe beim geringsten Anschein von Bedrohung einzusetzen. Wir müssen mit steigenden Opfern unter der afghanischen Bevölkerung rechnen. Erst am vergangenen Sonntag, erschossen Bundeswehrsoldaten an einem Checkpoint zwei Zivilisten. Ich habe gehört, dass fast das gesamte Kommando-Spezialkräfte bei dieser Operation dabei sein soll. Im Übrigen dürfen die deutschen Kommandosoldaten seit Mitte April 2009 jetzt offiziell “Kill-Missions” durchführen. (Quelle: Krieg am Hindukusch, Mai 2009, Seite 163) Bis 23.7.2009 bereits offiziell 13 Aufständische im Char-Dara-Distrikt getötet. Das Gemetzel geht jetzt los, denn das Heer der Aufständischen soll 10 Mio. Männer umfassen. Die Bundeswehr kann heute aus dem Kosovo noch nicht raus. Afghanistan ist eine “never ending story”.
Sehr geehrte Damen und Herren,
können Sie mir einige wenige Fragen beantworten?
1. Da inzwischen durch eine dänische Universität nachgewiesen wurde, dass in den Stäuben des WTC Spuren von Sprengstoffen enthalten waren, gehe ich davon aus, dass die Mär der islamistischen Terroristen nicht mehr zu halten ist. Demzufolge handelt es sich ausschließlich um einen terroristischen Angriffskrieg, in den die Bundeswehr und Deutschland verwickelt wurden. Wollen wir erst wieder bis zu einem Prozess in Nürnberg warten, bis die Kriegsverbrecher auf deutscher Seite abgeurteilt werden?
2. Wenn Deutschland nach Struck, auch am Hindukusch verteidigt wird, kann es sein, dass jeder Afghane sein Land auch am Brandenburger Tor verteidigen darf – also er berechtigt ist dort Zivilisten zu töten?
3. Mit welchem Recht sind “Aufbauhelfer” in diesem Land, die durch keine legitime Regierung, sondern erst durch eine nach einem brutalen Überfall installierte Regierung hereingegeben wurde, gegen den Willen eines Volkes am Werk – mit welchem Recht werden illegal dort tätige Subjekte durch Armeeeinheiten geschützt?
Lieber Günther,
Deine Fragen bringen es ziemlich genau auf den Punkt.
zu 1.) Von Nürnberger Prozessen sind wir noch weit weg, denn die Staatsanwaltschaften wurden nach den letzten Tötungen afghanischer Bürger durch deutsche Hand und Munition erst angetestet. Die hohen politischen Kreise arbeiten daran, künftig eine zentrale Staatsanwaltschaft, vermutlich Potsdam, für derartige Vorfälle für zuständig zu erklären. Nach geltendem Recht ist die jeweils zuständige Staatsanwaltschaft verpflichtet, lediglich ein Aktenzeichen zum Vorgang anzulegen. Das tatsächlich Ermittlungen aufgenommen werden, ist Kann-Sache. Die Staatsanwaltschaften werden zurzeit von verschiedenen Stellen unter Druck gesetzt, derartige Fälle schnellst möglich abzuhandeln. Diese Einflüsse z.B. vom Deutschen BundeswehrVerband oder aus dem Verteidigungsministerium sind durchaus kritisch zu bewerten. Soldaten werden ermutigt von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, weil sie kaum noch etwas befürchten müssen. Die höchsten Staatsanwälte sind politische Beamte und leicht austauschbar, wenn sie sich dem Spiel widersetzen. Die Kontrollfunktion der Justiz soll scheinbar untergraben werden. Ein ähnlich gelagerter Vorgang war die Entlassung von Steuerfahndern, die ihren Job zu gründlich gemacht hatten. Denen wurde ein ärztliches Gutachten untergeschoben, welches die Betroffenen für dienstunfähig erklärt hat (siehe auch hier).
zu 2.) Der legendäre Struck-Satz, wonach Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird, ist umstritten, wie das gesamte USA nahe Engagement in Afghanistan. Das Bundesverfassungsgericht hat den Struck-Satz sogar schon weit vor Aussprache mit Urteil vom 12. Juli 1994 – 2 BvE 3/92 gebilligt, als die Out-of-Area-Einsätze (nur UNO) für legitim erklärt wurden und dann noch deutlicher erweitert in einem Nebensatz mit dem sog. Tornado-Urteil vom 3. Juli 2007 – 2 BvE 2/07. Niemand, auch kein Afghane darf sein Land am Brandenburger Tor verteidigen – also niemand ist berechtigt dort oder anderswo Zivilisten zu töten. Recht wird damit vielleicht zu einer Einbahnstraße. Wobei ein einzelner Afghane mit einer Staatengemeinschaft nicht verglichen werden kann. Das wahnsinnige daran ist aber, dass die Mehrheit der Deutschen die Bundeswehr vom Hindukusch zurück holen möchte, nur die Entscheider weiter auf die Spielchen der USA vertrauen. Was die Bundeswehr in Afghanistan veranstaltet, ist aus meiner Sicht ein Stellvertreterkrieg um ihre Daseinsberechtigung. Welche Auswüchse das Ganze annimmt, sieht man an solch obstrusen Äußerungen wie “Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt” (Struck).
zu 3.) Die NATO setzte eine Zentralregierung in Afghanistan ein. Die afghanische Bevölkerung wurde dazu kaum befragt. Die Asphaltierung von Straßen hat dazu geführt, dass die Verkehrsunfälle und damit verbunden die Unfalltoten in Afghanistan drastisch zugenommen haben. Anhand der Militäroffensive vom 22. Juli 2009 wird auch klar, dass schwere Waffen wie z.B. Schützenpanzer Marder über diese “guten” Wege eingesetzt werden können. Von 80 Mio. EUR Aufbauhilfe aus Deutschland in 2008 kamen nachweislich nur 24 Mio. EUR in den Projekten vor Ort an. Ende letzten Jahres 2008 hat die Bundesregierung dann kurzerhand auf 140 Mio. EUR Aufbaumittel für 2009 erhört. Das versickern von ca. 70% der abgegebenen Mittel unterbindet bis heute niemand. Der deutsche Steuerzahler schaut machtlos zu.
hallo herr heiducoff,
ihre kritische hinterfragung des tuns der bundeswehr in afghanistan enthält doch eigentlich schon die antwort.
mit welchem recht mischen sich kräfte aus fremden ländern in die inneren angelegenheiten der afghanischen bevölkerung ein?
mit welchem recht mischen sich fremde organisationen in die inneren angelegenheiten von völkern und volksgruppen ein?
meine grundsätzliche haltung:
frieden ist nur ohne militär möglich. frieden kann nur auf der gewaltfreien kooperation von menschen beruhen, die sich auf die anerkennung der gleichen rechte und gleichen wertigkeiten stützt.
ein globaler frieden ist nur durch auflösung aller globalen militärischen einrichtungen, produktionen und forschung möglich.
insofern ist doch der erste schritt, jegliche aktivitäten militärischer art und des transfers militärischer instrumente außerhalb des eigenen lebensraums, hier des eigenen staates, sofort einzustellen. aus unserer geschichte wissen wir, dass die existenz von militär und seiner infrastruktur immer ausdruck eines aggressiven verhaltens gegenüber anderen völkern war und auch gleichzeitig befördert. den frieden zu wollen heißt immer auch auf die instrumente zu verzichten, die den zwang herstellen soll. und wenn es diese instrumente nicht gibt, bleibt nur die friedliche kooperation unter der vorraussetzung des willens der menschen zu dieser kooperation. also einladung und das gastrecht.
aus der geschichte wissen wir allerdings auch, dass die produktiven prozesse immer auf diesem prinzip beruhten und unsere kultur und wissenschaften ohne diese jahrtausend alten bedingungen des zusammenlebens, fern von aggressiven und räuberischen aktivitäten, nicht entstanden wären.
mit grüßen, willi übelherr
Im ZDF-Forum zum Thema Afghanistan schrieb Nutzer ctheiss Folgendes auf einen dortigen Text von gutmensch-muenchen:
Vielen Dank für diesen konstruktiven Beitrag, dem ich mich voll anschließe.
Ihre Meinung ist ganz besonders wichtig, weil Sie selbst ein Insider sind, der weiß, wovon er redet.
Der Terror läßt sich am besten damit bekämpfen, dass man ihm sein Feindbild entzieht und ihn ins Leere laufen läßt.
Ich hoffe sehr, dass Sie über Ihr Engagement im Darmstädter Signal noch viele Menschen zum Nachdenken bringen.
Jeder hat das Recht auf seine eigene Ansicht, auch darin stimme ich Ihnen zu. Dabei sollte man sachlich bleiben und die Meinung des Andersdenkenden respektieren. Argumente überzeugen mehr als Schüsse unter die Gürtellinie.