Zivilisten bei Großoffensive in Südafghanistan getötet
Bei der Großoffensive gegen die aufständischen Taliban im Süden Afghanistans sind zwölf Zivilisten getötet worden. Zwei Raketen hätten ihr Ziel verfehlt und im Bezirk Nad Ali in der Provinz Helmand die Zivilisten getroffen, erklärte die internationale Afghanistan-Truppe ISAF. Die US-geführten Truppen stießen bei der Militäraktion nach eigenen Angaben zunächst auf geringen Widerstand. Es ist die größte Offensive seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor neun Jahren.
Um den unruhigen Süden Afghanistans wieder unter die Kontrolle der Regierung in Kabul zu bringen, waren im Zuge der Militäraktion “Muschtarak” (Gemeinsam) 15.000 afghanische, amerikanische und britische Soldaten in der Region Mardscha, einem der größten Opium-Anbaugebiete der Welt, vorgerückt. Kampfhubschrauber setzten in der Nacht zum Samstag die ersten Verbände ab. Diese trafen nach US-Angaben auf “minimale Gegenwehr”. Der britische Armeesprecher Gordon Messenger sprach von “sporadischen Zusammenstößen”.
US-Kommandeur Larry Nicholson sagte einem AFP-Fotografen vor Ort jedoch, die Soldaten würden immer wieder von Heckenschützen ins Visier genommen. Auch dass die Einheiten nur langsam im Gefolge von Minenräumfahrzeugen vorrücken könnten, verzögere den Vormarsch. Die gesamte Region gilt als vermint und deshalb sehr gefährlich, wie der afghanische Verteidigungsminister Abdul Raheem Wardak warnte.
Ein Brite, starb nach Angaben der internationalen ISAF-Truppe durch eine Mine in der Ortschaft Nad Ali. In der Stadt Mardscha wurde ein US-Soldat offenbar von Heckenschützen erschossen.
Der afghanische Kommandeur Sher Mohammed Sasai nannte am Sonntag die Zahl von 27 getöteten Aufständischen. Laut einen BBC-Bericht sollen darunter sieben ausländische Kämpfer sein, was die Vermutung einer Verbindung der Taliban zum Terrornetzwerk El Kaida bestätigen würde. Zivile Opfer soll es zunächst nicht gegeben haben. Die Regionalregierung erklärte, in Mardscha sei eine Frau verletzt worden. Der Schutz von Zivilisten sollte diesmal Vorrang haben.
Sowohl die internationale als auch afghanische Militärvertreter äußerten sich zufrieden über den Beginn des Einsatzes, der als große Bewährungsprobe für die neue Afghanistanstrategie von US-Präsident Barack Obama gilt. In London sagte Armeesprecher Messenger, die USA teilten diese positive Einschätzung. Helmands Gouverneur Mohammad Gulab Mangal erklärte sogar, der militärische Widerstand sei gebrochen und die meisten Gebiete unter Kontrolle.
Ein Taliban-Vertreter wies dies als “westliche Propaganda” zurück. Der Westen versuche mit der kurzfristigen Einnahme einer kleinen Stadt das verlorengegangene Prestige des “erfolglosen US-Generals Stanley McChrystal” zurückzugewinnen, hieß es in einer per E-Mail versandten Erklärung des Taliban-Kommandeurs Mullah Abdul Resak Achund.

Armut und Elend töten mehr Menschen in Afghanistan, als der bewaffnete Konflikt selbst. Diese Meinung äußerte die Vertreterin des UN-Hochkommissars für Menschenrechte in Afghanistan, Norah Niland, am Dienstag in Kabul auf einer Pressekonferenz.
Sie stellte den Bericht des UN-Hochkommissariates für Menschenrechte (OHCHR) über die Situation um die Menschenrechte und die Verarmung der Bevölkerung in Afghanistan vor. Das Dokument war im Ergebnis einer Untersuchung der Lage in 14 der insgesamt 34 afghanischen Provinzen verfasst worden.
„Afghanistan liegt an weltweit zweiter Stelle bei der Müttersterblichkeit. Im Land sterben jährlich 25 000 Frauen an Geburtskomplikationen. Nur 23 Prozent der Afghanen haben reines Trinkwasser zur Verfügung, und nur 24 Prozent der Afghanen ab 15 Jahren können lesen und schreiben“, sagte Niland. Ihr zufolge liegen die Raten der Lese- und Schreibfähigen unter den Frauen und unter den Nomaden noch niedriger.
Nach OHCHR-Angaben müssen 30 Prozent der Schüler arbeiten und sind oft alleinige Ernährer der Familie.
Laut der OHCHR-Vertreterin können zwei Drittel der afghanischen Bevölkerung nicht ihre unveräußerlichen Grundrechte, solche wie die Rechte auf Zugang zur Bildung und zur medizinischen Betreuung, wahrnehmen.
Laut Niland wurzelt die afghanische Armut nicht nur in der zerrütteten Wirtschaft, sondern auch in Korruption, Ressortwirtschaft und in dem Bestreben, kurzzeitige Sofortergebnisse zu erreichen.
Der Bericht beinhaltet den Appell an die afghanischen Behörden und die Geberländer, die Entwicklungspolitik zur Ausrottung der Armut zu intensivieren sowie solche Strategien und Verfahren einzuführen, die den Grundrechten des Menschen gerecht werden.
Laut dem Dokument dürfen die Sicherheitsbemühungen die Armutsbekämpfung nicht in den Hintergrund drängen. Die proportionale Ressourcenverteilung sollte nicht von der militärischen Situation, sondern von dem Bestreben diktiert werden, die Rechte der ärmsten und sozial schwächsten Mitglieder der afghanischen Gesellschaft – Frauen, Nomaden und Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten – zu wahren, sagte die OHCHR-Vertreterin.