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Bestürzung über Ermordung von ausländischen Ärzten

Ein tödlicher Überfall auf acht ausländische Ärzte in Afghanistan hat Bestürzung ausgelöst und viele Fragen aufgeworfen. Nach einer Identifizierung wurde offiziell bestätigt, dass es sich bei den Opfern um eine Deutsche, eine Britin sowie eine Frau und fünf Männer aus den USA handelt. Die Bundesregierung reagierte empört auf den Anschlag in der nördlichen Provinz Badachschan, die zum Einsatzgebiet der Bundeswehr gehört.

Bei dem deutschen Todesopfer handele es sich um eine 35-jährige Frau aus Sachsen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Zuvor waren die Leichen der Opfer aus Badachschan zur Identifizierung nach Kabul gebracht worden. Das britische Außenministerium teilte mit, dass eine 36-jährige Britin unter den Opfern sei, und verurteilte die Tat als “beklagenswerten und feigen Akt”. Die US-Botschaft in Kabul erklärte, die Namen der sechs getöteten US-Bürger würden nicht mitgeteilt.

Die getöteten Ärzte waren für die christliche Organisation International Assistance Mission (IAM) in Afghanistan tätig. Ihre Leichen seien am Freitag, 06.08.2010 in einer entlegenen Waldgegend in Badachschan gefunden worden, sagte IAM-Chef Dirk Frans. Auch zwei afghanische Begleiter der Gruppe wurden getötet.

Die Gruppe war laut Frans auf dem Rückweg von einem medizinischen Einsatz in der Nachbarprovinz Nuristan, in der die radikalislamischen Taliban sehr stark sind. Die Ärzte hätten den Weg durch die als relativ sicher geltende Provinz Badachschan gewählt, um eine als gefährlich geltende Straße in Nuristan zu meiden. Das Team “hatte keine Waffen und keinen Begleitschutz, wir kommen auf Einladung der Gemeinden”, sagte Frans. Die IAM ist seit etwa 40 Jahren in Afghanistan tätig und betreibt in Kabul, Herat, Mazar-e-Sharif und Kandahar Augenkliniken.

Die Opfer seien in einer Reihe aufgestellt und erschossen worden, sagte der Polizeichef von Badachschan, Aka Noor Kintos, unter Berufung auf den einzigen Überlebenden des Überfalls. Der afghanische Fahrer war nach eigener Angabe verschont worden, weil er Koranverse zitiert hatte.

Zunächst bekannte sich laut Frans die Islamistenorganisation Hisb-e-Islami zu der Bluttat, später auch die Taliban. “Es waren christliche Missionare und wir haben sie alle getötet”, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid. Frans bestritt Mudschahids Angaben, die Gruppe habe Bibeln auf Dari, einer der afghanischen Landessprachen, bei sich gehabt. Auch der Vorwurf, sie hätten für die NATO spioniert, sei falsch.

Die afghanische Polizei prüft trotz der Bekennerbotschaften auch die Theorie eines Raubmords. Unklar ist allerdings, warum die Täter das Auto der Ärzte nicht mitnahmen. Eine Sprecherin der Bundesregierung erklärte, Berlin dringe auf eine “gründliche Aufklärung der Umstände dieses feigen Mordes”.

7 Kommentare zu Bestürzung über Ermordung von ausländischen Ärzten

  • Anton Meyer

    Meine Position zur Lage in Afghanistan hat durch diesen Mord ihr Fundament verloren. Ich dachte bislang wirklich, das Hilfsorganisationen ohne Militär unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können würden.

    • Sandra Kellermann

      Lieber Anton,

      das ist so einfach nicht. Es gab schon immer Überfälle, Entführungen, Mord an zivilen Hilfsorganisationen, auch wenn sie nicht mit dem Militär in Verbindung zu bringen waren (Ermordung von Mitarbeiters der Welthungerhilfe, Entführung/ Ermordung deutscher Bauingenieure, Ermordung chinesicher Straßenbauarbeiter, Entführung koreanischer Christen etc.
      Den Helfern wird Missionierung vorgeworfen … ob durch Worte, durch medizinische Hilfe oder durch militärische Gewalt Missionierung erkannt oder vermutet wird, spielt dabei keine Rolle. Wenn die Gruppe in der Tat die Bibel in Farsi bei sich hatten, liegt doch alles auf der Hand.
      Unsere gesamte westliche Einflussnahme – ob politisch, wirtschaftlich oder militärisch wird als christliche Missionierung betrachtet.
      Und die Mittel des Kampfes dagegen haben sich radikalisiert.
      Dieser Prozess konnte ebenfalls in Tschetschenien beobachtet werden.

  • Timo Bertram

    Hier ein interessanter Hintergrundbericht von Citha Maaß zur Sache.

    Frau Maaß stellt darin u.a. fest:

    1. Die Lage wird unsicherer, weil die Aufständischen – und hier spreche ich nicht nur von den Taliban – zunehmend Mitarbeiter von Hilfsorganisationen als “weiche Ziele” nutzen.
    2. Das Team ist von dem Amerikaner Dr. Tom Little geleitet worden. Tom Little gehört zu den erfahrensten Entwicklungshelfern, die es in Afghanistan gibt.
    3. Möglicherweise sind Aufständische durch das betreffende Gebiet gezogen, vielleicht kamen sie Schmugglern in die Quere, unter Umständen gab es Machtkämpfe. Es kann passieren, dass der eigentlich zugesagte Schutz von Machthaber A oder Stamm B nichts mehr wert ist, weil sich die Verhältnisse geändert haben.
    4. Dass es zumindest im Umfeld der Augenklinik Missionierungsbestrebungen gab, kann ich für die Jahre 2001 und 2002 bestätigen. Wie es heute aussieht, weiß ich nicht.
    5. Die einzige Möglichkeit, Hilfsprojekte durchzusetzen ohne sich in Gefahr zu bringen, ist es, das Vertrauen der jeweiligen Dorfgemeinschaft zu gewinnen. Der Schutz der lokalen Machthaber im Dorf ist das A und O. Daher sollten Nichtregierungsorganisationen auch vorsichtig abwägen, ob sie Unterstützung vom Militär in Anspruch nehmen oder ob sie sich nicht besser von den internationalen Truppen distanzieren.
    6. Der Provinzgouverneur von Kunduz ist korrupt und inkompetent.
    7. Es muss zwischen Entwicklungshilfen durch Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen unterschieden werden.
    8. Finanzielle Hilfen für Afghanistan tragen zur Korruption im Land wesentlich bei. Die Verdoppelung der deutschen Hilfsgelder für Afghanistan ist daher kontraproduktiv.
  • Leser 0815

    Was soll denn die Herausstellung des christlichen Glaubens der Helfer bedeuten? Soll hier zum Ausdruck gebracht werden, dass dieser das Massaker irgendwie legitimiert? Und haben Afghanen kein Menschenrecht auf Religionsfreiheit?

    • Mike Dobmeier

      Leser 0815, verwechseln Sie bitte nicht die Debatte über mögliche Gründe der Morde mit der Debatte über das Recht am Töten, die hier bisher an keiner Stelle geführt wurde!

      Eindeutig verurteile ich als SIGNALER die Taten als Mord und dieser ist illegal. Die kulturellen, traditionellen und die über Kriegsjahrzehnte bedingt gewachsenen moralischen, geistigen sowie politischen Aktionen in dieser Erdenregion sind neben der stümperhaften westlichen Intervention Ursache für solche grausamen Taten.

      Bitte grüßen Sie Ihre Sympathisanten vom Weblog-Sicherheitspolitik.info herzlich von mir. Ich vermute, dass Sie aus dieser Riege schreiben, weil von denen alle incognito sind. Signaler tauschen sich zu 95% mit ihrer wahren Identität in unserem Ticker aus. Falls ich Ihnen Unrichtiges unterstellen sollte, bitte ich Sie darüber hinweg zu sehen. Der Wunsch nach Anonymität bleibt schließlich Privatsache und wird hier niemandem untersagt. Schön, dass Sie sich einbringen.

  • Tabea Neumann

    Der Mord an den Ärzten ist absolut schrecklich. Zu beachten ist aber auch, dass diese Organisation IAM möglicherweise neben den humanitären Aufgaben christlich-missionarische Ziele verfolgte. Das ist für islamische Fundamentalisten absolut Gift und würde auch anderenorts z.B. in Saudi-Arabien zu Riesenproblemen führen.

  • Leser 0815

    @Tabea Neumann:
    Die Aufständischen in Afghanistan töten internationale und afghanische Helfer ganz unabhängig davon, was diese genau tun. Jedes Jahr werden Dutzende getötet, egal ob es Christen, Moslems oder Atheisten sind.

    @Mike Dobmeier:
    Es freut mich zu lesen, dass von Ihnen auch das Verhalten der Aufständischen problematisiert wird.
    Frau Neumann bringt genau das zum Ausdruck, was ich meinte, zuvor nur zwischen den Zeilen gelesen zu haben. Wenn Skinheads einen Menschen in Deutschland töten würde doch auch niemand Sätze wie diesen formulieren: “Es ist zu beachten, dass der Tote überzeugter Demokrat war und eine Ausgabe des Grundgesetzes bei sich trug. Das ist Gift für Neonazis und führt in Ostdeutschland zu Problemen.” Man macht mit solchen Formulierungen das Verhalten der Opfer zum Problem und nicht das Verhalten der Täter, was die Täter ein Stück weit entschuldigt.
    Den Weblog Sicherheitspolitik lese ich übrigens sehr gerne (und schreibe dort auch Kommentare). Für mich ist es keine Schande, mit allen Menschen zu reden und mich mit verschiedenen Standpunkten auseinanderzusetzen.

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