Es gärt und brodelt, aber wen sollen die Menschen für die Krise verantwortlich machen?
Groß ist der Zorn über die Manager, die für die internationale Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht werden, aber seltsam hilflos ist der Protest. Der Bürger ballt die Faust in der Tasche, von einer Volkserhebung keine Spur. In den USA werden Bustouren organisiert, die an den prächtigen Villen der Banker vorbeiführen, die Millionen für ihr fatales Wirken kassierten. Aber was tun die Touristen? Legen sie Brände, werfen sie Scheiben ein? Sie reiben sich still die Augen; ärgstenfalls halten sie hasserfüllte Plakate hoch.
In London warnen Banken ihre Mitarbeiter, mit Krawatten, an denen man sie erkennen könnte, auf die Straße zu gehen; aber bis jetzt ist kein Übergriff bekannt geworden. Der Verzicht auf Schlipse in der City wird sich verschmerzen lassen. In Frankreich sind einige Manager wegen der geplanten Schließung eines Werkes mit Eiern beworfen worden; die Reinigungskosten werden sie tragen können. Fürchten muss sich einstweilen niemand. Und selbst die linken Splittergruppen, die in Berlin und Frankfurt am letzten Wochenende vor dem G-20-Gipfel aufmarschierten, hatten wenig mehr zu bieten als die brave Steuerbürgerklage: »Wir zahlen nicht für eure Krise!«
Tatsächlich zahlen die Bürger schon. Darin liegen die Ohnmacht und der Skandal zugleich: dass der Staat die fallierten Banken und Unternehmen retten muss, aber ein Teil der aufgewendeten Steuergelder als Abfindungen und zugesicherte Boni sogleich in die Taschen jener Manager fließt, die für den Untergang der Firmen verantwortlich sind. Ein schlagenderer Anlass zum Aufstand wäre kaum denkbar. Selbst die Trotzkisten, die immer gesagt haben, für eine Revolution sei es zu früh, weil sich die gesellschaftlichen
Widersprüche noch nicht hinreichend zugespitzt hätten, müssten jetzt zugeben, dass die Stunde gekommen ist. Niemals ist der Widerspruch von Kapital und Arbeit eklatanter geworden als in dem Moment, da die Masse der abhängig Beschäftigten den Kapitalismus retten und seinen Profiteuren auch noch ein Handgeld zahlen muss.
Der Kapitalismus profitiert vom Ruin des Sozialismus
Aber gegen wen sollte sich ihr Aufstand richten? Abfindungen und Prämien waren den Managern vertraglich garantiert, und der Rechtsstaat, der die Erfüllung von Verträgen sichert, ist gewiss nicht der Gegenstand der Empörung. Auch die Führungskräfte selbst, sosehr die Schamlosigkeit ihrer Gier provoziert, sind doch bei nüchterner Betrachtung nichts als Angestellte – keine Kapitalisten, sondern nur die monströs überbezahlten Lakaien des
Kapitals. Natürlich könnten Arbeiter, wie auch schon in Frankreich geschehen, einzelne Manager vorübergehend in Geiselhaft nehmen, um bessere Bedingungen für Stellenstreichungen zu erpressen. Aber eine ernsthafte Revolte, wollte sie mehr sein als Folklore, müsste sich ehrlicherweise gegen das System als solches wenden. Das aber scheint niemand zu wollen.
Und zwar mit guten Gründen. Der empörteste Bürger, selbst der Arbeitslose oder der um sein Hab und Gut gebrachte Bankkunde, wird sich nicht den Sozialismus wünschen. Er wird vielmehr, wenn er ehrlich ist, zugeben müssen, dass er nur den guten alten Kapitalismus aus der Zeit vor seiner neoliberalen Enthemmung wiederhaben möchte. Und leider, wenn er nicht nur ehrlich, sondern auch informiert ist, wird er wissen, dass diese Enthemmung etwas mit dem globalisierten Wettbewerb zu tun hat – keine Frage der Gier allein, sondern eine des Eintritts neuer Akteure in den Weltmarkt, der chinesischen oder indischen Konkurrenz. Keine nationale Regierung wird er dafür verantwortlich machen können und keinen übernationalen Zusammenschluss, nicht die EU, nicht die G20 und schon gar nicht die NATO, wie einige Wirrköpfe bei den Demonstrationen meinten.
Das aber heißt, die Wut läuft ins Leere. Sie hat keinen Empfänger; es sei denn die wirtschaftliche Verfasstheit unserer Welt. Um diese als Ganze verändern zu wollen – eine veritable Weltrevolution! –, brauchte es allerdings eine greifbare Systemalternative. Die letzte, die sich als solche empfehlen konnte, war allerdings ebenjener Sozialismus, der vor unser aller Augen an seiner Untüchtigkeit und Unmenschlichkeit zusammengebrochen ist.
Mit anderen Worten: Der Ruin der kommunistischen Staaten- und Gedankenwelt ist die wahre Überlebensgarantie für den angeschlagenen Kapitalismus unserer Tage.
Es wäre aber fatal, wenn das die einzige Überlebensgarantie bliebe. Historische Erinnerung verblasst; wenn es schlimm kommt, könnte am Ende der Sozialismus wieder als die humanere Alternative erscheinen. Und noch etwas: Der Kapitalismus, gerade weil er nicht auf den totalen Staat setzt, ist auf die innere Zustimmung des Bürgers, auf seinen Enthusiasmus, seinen Einsatz und die Aussicht auf gerechte Teilhabe angewiesen. Ein Kapitalismus, der nicht abgibt, sondern Reichtum nur bei den Reichen sammelt, verwandelt sich über kurz oder lang in einen Feudalismus, der nur mit Gewalt und ohne demokratische Legitimation herrscht.
Eine Ahnung solcher Zustände und neofeudaler Gesinnung haben die Manager schon gegeben, denen es im Moment der Krise auf keine höhere Verantwortung, sondern nur aufs Geldhorten ankam. Die Finanzjongleure, über die es zur Rechtfertigung ihrer Einkünfte stets pathetisch hieß, dass sie »Werte schaffen«, haben im Gegenteil in hohem Umfang Werte vernichtet, finanzielle, menschliche und moralische Werte.
Der größte Schaden besteht im Ruin des Vertrauens. Die Banken, als seien sie Gauner, trauen sich gegenseitig nicht mehr über den Weg, betrogene Betrüger allesamt. Und doch scheint es schwer zu sein, die Bankleute zu Einsicht und Umkehr zu bewegen. Noch hat keiner von ihnen ein überzeugendes Wort der Zerknirschung gesprochen. Vielleicht ließen sie sich aber doch zur Räson bringen, wenn man ihnen vor Augen führte, dass sie in der Welt des Misstrauens und des Hasses, die sie säen, selbst nur noch schlecht leben würden, gewiss aber keine guten Geschäfte machen könnten.
Die Ausstattung einer solchen Welt lässt sich in vielen lateinamerikanischen Staaten besichtigen. Sie besteht aus Wachleuten und Sandsäcken vor Appartementhäusern, in lagerartig gesicherten Sportclubs, in gepanzerten Limousinen, mit denen sogar die Kinder in die Schulen gefahren werden. Wenn dies dem Idealzustand des Kapitalismus nahekäme, dann wäre soziale Deregulierung und räuberische Bereicherung der Weg des Heils. So ist es aber nicht. Und es war ja auch noch immer das beste Argument für eine sozial regulierte Marktwirtschaft, dass sie nicht nur den armen Schluckern Schutz bietet, sondern auch das langfristig beste Umfeld für die wirtschaftliche Prosperität und den Genuss des Wohlstandes.
Der Mensch versöhnt sich nicht dauerhaft mit Ungerechtigkeit
Das ist ein Vorschlag zur Güte. Wenn er dauerhaft ungehört bleibt, könnte die Wut, die keine Perspektive und keinen Adressaten findet, sich auch damit begnügen, blind draufloszuschlagen. Gewalt bleibt stets das letzte Erlösungsversprechen. Es sollte nicht dazu kommen, dass selbst Menschen in den saturierten Rechtsstaaten des Westens unbeherrschbare Reinigungsfantasien entwickeln. Man wird ihnen zwar, wenn sich die Wirtschaftskrise auswächst, durchaus ein dauerhaftes Ende des Wohlstands vermitteln können. Nicht aber ist der Mensch geneigt, sich dauerhaft mit Ungerechtigkeit zu versöhnen. Er lebt, wie die Bibel weiß, nicht vom Brot allein; und das ist eine politische Herausforderung. Er lebt von Glaube, Liebe, Hoffnung, von Freiheit, Gerechtigkeit und Glücksversprechen. Eine Wirtschaftsordnung, die ihn davon auszuschließen verspricht, wird er nicht ertragen und schon gar keine Wirtschaftsführer, die ihm für seine Gerechtigkeitserwartung höhnisch ins Gesicht lachen.
Quelle: DIE ZEIT, 02.04.2009 Nr. 15, Jens Jessen